
So sieht´s da nicht aus...;-)
Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten… Das wäre schön melodramatisch; aber zum Einen ein Plagiat und zum Anderen weit abseits der Realität. Der Eintritt in die Hölle spielt sich nach meiner Erfahrung recht unspektakulär ab und kündigt sich selten deutlich sichtbar an…
Nach einem kurzen Flimmern wird aus der Röhrenbild-Realität plötzlich ein Full-HD 3D Bild, das man ohne Brille aus jedem Blickwinkel gestochen scharf betrachten kann. Keine Dämonen mit ledrigen Flügeln, keine Lavaströme statt Straßen und kein immerwährendes Stöhnen der Geknechteten – obwohl: Hört man genau hin und blendet alle ablenkenden Gespräche, die Musik und durch Reibung verursachte Töne aus, bleibt tatsächlich eine Audio-Wolke hängen, die man nicht anders, denn als Wehklagen interpretieren kann.
Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, genieße ich stets einen gewissen Service: Eine kühle aber betont höfliche Hostesse holt mich ab, wo immer ich gerade stehe und bringt mich in das jeweilige Chefbüro der aktuellen Stunde. Vorgestern lag das weit über den Straßenzügen, rundum verglast, schwarzer Marmor und weiße Ledermöbel als dominierende Elemente. Der Bursche hat Stil, das muss man ihm lassen…
“Willkommen, kleiner Philosoph!” Er kann es nicht lassen. Obwohl ich selbst beim ersten Mal nicht erschrocken bin, taucht er immer wieder aus dem Nichts auf, begrüßt mich und schlägt mir auf die Schulter… “Wieder nicht?” – “Nein, wieder nicht. Aber nett von Dir, dass Du heute Kleidung trägst. Schicker Anzug.” – “Danke. Setz Dich.” Er deutet auf einen von zwei Mammut-Sesseln mit einem kleinen Onxy-Tisch in der Mitte.
Maria kommt wie üblich rein und bringt uns eine Karaffe mit Branntwein und zwei feine, handgearbeitete Kristallschwenker. Diese Karaffe wird nie leer… Würde mir auch in meiner Bar gefallen! Wir zünden uns kubanische Zigarren an. Das übergroße Feuerzeug hat die Gestalt eines siebenköpfigen Drachens… Immerhin geht er mit seinen Niederlagen ironisch um, das macht ihn ein Stück sympathisch.
Luzifer (lächelt): “Nun, wie ist es Dir seit unserem letzten Gespräch ergangen?”
Philosoph (lächelt zurück): “Als wüsstest Du das nicht!”…
L: “Immer noch so arrogant. Du bist nicht so wichtig, dass ich Dich beobachten würde.”
P: “Warum empfängst Du mich dann immer persönlich? Du könntest mich doch einfach die Touristen-Tour machen lassen…”
L (lacht): “Dein Bewusstsein um den freien Willen ist es – gepaart mit Deiner Überzeugung, ich wäre nicht daran interessiert, Dir etwas zu nehmen…”
P: “Dir hat der freie Wille nicht viel Glück gebracht, oder? Ist das der Grund, warum Du Dich, wie Du selbst sagst, nicht allzu viel bei uns Menschen einmischt?”
L: “Ich würde alles wieder genauso machen. Die Existenz vor meinem Weggang war mir damals unerträglich und wäre es jetzt ebenso.”
P (schenkt sich selbst nach): “´Weggang´ ist gut. Ich nenne so etwas fristlose Kündigung mit Rauswurf durch die Security und vollkommene Niederlage beim Versuch, sich wieder in die Firma einzuklagen.” (grinst)
L (verzieht keine Miene): “Du versuchst wieder, mich zu provozieren?” (lächelt) “Letztes Mal, das gebe ich zu, hast Du mich kurz aus der Reserve gelockt. Aber schließlich habe ich die Eitelkeit salonfähig gemacht… Heute gelingt Dir das nicht.”
P: “Wir werden sehen… Du hast mich gefragt, wie es mir ergangen ist. Nun, ich habe mir viel Zeit zum Nachdenken genommen. Ich verstehe jetzt, dass nicht Dein Reich unserer Welt nachempfunden ist, sondern umgekehrt. Aber wie passt das zu Deiner Behauptung, Du würdest Dich nicht einmischen? Schließlich hast Du mir versichert, so etwas wie Zufall existiere nicht…”
L (freut sich): “Das war alles SEINE Schuld. Aus Dreck hat er Euch gemacht, weil es ihm zu langweilig war. Unsere Gedanken hat er Euch gegeben, eine Seele – genau wie bei uns. Aber Ihr könnt nicht wie wir sein – Ihr seid unrein mit Euch selbst. Für alle Ewigkeit. Minderwertiges Material. Und jetzt sieh Dich um! Das, was ich erschaffen habe, meine Getreuen hier, die Sünden, denen wir uns genussvoll hingeben… Selbst wir, die wir rein sind, halten bisweilen ein Leben in ewig sterilem Glück nicht aus! Und da wundert es Dich, dass Deine Welt der unseren ähnelt?! Unter anderem Neid und Mißgunst (dazu stehe ich) haben mich hierher gebracht und diese Welt gebaut – ganz genau wie Deine…”
Eva, das scharfe Luder, kommt rein und schenkt uns beiden nach. Draußen am Fenster schwebt das Klischee eines buddhistischen Mönches im Lotussitz vorbei und hat pure Konfusion in den Augen. Man sieht ihm deutlich an, dass er mit wirklich ALLEM nach seinem Ableben gerechnet hat, nur nicht mit DEM hier. Luzifer folgt meinem Blick, grinst amüsiert und schnippt mit den Fingern. Der Mönch zerplatzt und verwandelt sich in eine bunte Wolke aus Schmetterlingen. Ich klatsche herablassend.
P: “Ich verstehe. Nein, so gesehen wundert es mich nicht mehr. Aber wenn Dein Ex-Boss uns doch im Grunde gestalten konnte wie er wollte: Warum hat er diesen Fehler nicht korrigiert?”
L: “Aus dem gleichen Grund, aus dem ich mit Dir spreche: Perfektion ist langweilig. Ein Spiel, das Du vor Antritt schon gewinnst, hat überhaupt keinen Reiz.”
P: “Ein Spiel, das Du vor Antritt schon verlierst doch aber auch nicht?”
L: “Du hast Recht. Ich weiß, worauf Du hinaus willst: Du willst wissen, ob Ihr jemals eine Chance hattet?” (Ich nicke) “Natürlich hattet Ihr die! Ihr habt sie immer noch; nur wird sie mit jeder neuen Genration Eures Hochmuts und Eurer Überheblichkeit geringer. Mittlerweile sehe ich allerdings meine Chancen, den Alten zum Teufel zu jagen…” (Er lacht über seinen eigenen Witz) “…und seine Filialen mit zu übernehmen höher ein, als dass Ihr nochmal die Kurve bekommt.”
P: “Prinzipiell gebe ich Dir Recht. Und doch weiß ich, dass es Menschen gibt, die sich nicht mit den Gegebenheiten zufrieden geben. Menschen, die danach streben, rein mit sich zu sein und einen großen Einklang von Seele und weltlicher Existenz zu erreichen. Das muss Dir doch stinken?”
L: “DU kommst mit Esoterik?!” (Lacht)
P: “Bin derzeit inspiriert; ein Esoteriker werde ich vermutlich nie. Philosophen sind im Übrigen nicht sooo anders… Wir sind nur ab von Glauben hin zum Herleiten. Die Ziele sind doch ähnlich… Aber abgesehen von denen, die das bewusst machen: Es gibt Modellbeispiele des guten, runden, ausgeglichenen Menschen, der sich nie mit Esoterik oder Philosophie beschäftigt…?”
L: “Statistisch normale, gewollte Mutation: Verbesserung der Anpassungsfähigkeit. Vielleicht betrügen uns ein paar von SEINEN Marketing-Jungs. Auch sie sind fehlbar.” (grinst – ich kann es nicht anders umschreiben – teuflisch!) “Fakt ist: Es ist ein leises Pfeifen im Orkan. Niemanden schert es. Und die große böse Welt, die ich nicht erschaffen habe – das sei nochmals betont – frisst die armseligen Idioten, die nicht wissen, dass man sich für den Krieg rüsten muss, will man Frieden haben… Apropos: Was machen Deine Bemühungen?”
P (lächelt): “Ich rüste fleißig auf. Entspreche ich Dir damit gefällig? Oder ärgert Dich das?”
L: “Das wolltest Du letztes Mal schon wissen. Und wieder gebe ich Dir keine Antwort. Freier Wille, Du erinnerst Dich? Am Ende Deines irdischen Lebens wirst Du sehen, was Dich wohin gebracht hat…”
P (grinst): “Da ich weder an Himmel noch an Hölle glaube, werden wir uns ja eher nicht sehen…”
L: “Aber Du sitz doch hier!!” (Ganz kurz nur flackert seine sonst kühle Mimik) “…Nun gut, kleiner Philosoph. Ich gebe Dir einen mit auf den Weg: Es ist vollkommen irrelevant, woran Du glaubst oder nicht glaubst. Von Bedeutung ist, wer oder was an Dich glaubt.”
P (nickt): “Starker Tobak.”
L: “Ich weiß.”
Zurück im Leben.
Der Kopf brummt, das Bad muss renoviert werden…
Fazit dieses Blogs?
Kinder, lasst die Finger von Absinth!